Im Jahre 1964 kauft der Christ und promovierte Philosoph Jean Vanier in einem kleinen Dorf nördlich von Paris ein unscheinbares Steinhaus und zieht dort mit drei geistig behinderten Menschen ein. Er tut dies aus der sicheren Überzeugung, dass Gott ihn dazu beruft. Schon in den 70er Jahren wird aus der „Arche" - wie Jean die kleine Gemeinschaft nennt - eine internationale Bewegung: überall auf der Welt entstehen Häuser, in denen behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen leben. Heute gibt es weltweit über 130 „Arche"-Gemeinschaften.
Jean Vanier wird am 10. September 1928 in Genf geboren. In England und Kanada aufgewachsen geht er als 15-Jähriger zur Marine. Nach acht Jahren in der Marine quittiert er seinen Dienst, weil er spürt, „dass mein Platz in der Welt anderswo sei.... Wir haben alle unseren Platz, unsere Berufung. Meine Berufung war nicht die zur Marine."Er will Gott besser kennenlernen und hat zunächst vor, Priester zu werden. Über seine Mutter lernt er den Dominikanerpater Père Thomas Philippe - kennen, und es entsteht eine tiefe, fruchtbare Freundschaft zwischen den beiden. Als sich Père Thomas 1963 in dem kleinen Dorf Trosly-Breuil niederlässt, um dort als Armer unter Armen - nahe einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen - zu leben, kommt auch Jean , der ohnehin nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, häufig dorthin.
Sehnsucht nach Freundschaft und Familie
Die Bedingungen, unter denen die behinderten Menschen dort leben, erschrecken ihn. Es wächst in ihm der Wunsch, etwas für diese Menschen zu tun. Mit 36 Jahren vernimmt er, wie er selbst sagt, „den Urschrei der Menschen mit Behinderungen", eine Mischung aus der Sehnsucht nach Freundschaft, dem Gefühl wertlos zu sein und dem Zweifel wirklich gewollt zu sein. Er kauft ein kleines Anwesen und lädt zwei geistig behinderte Männer - Raphael und Philippe -, die bis dahin in einer anderen Einrichtung ihr Dasein gefristet haben, ein, mit ihm zu leben. Das Haus nennt er in Anlehnung an die Arche Noah „l'Arche". In den Herzen von Raphael und Philippe entdeckt er unermesslichen Schmerz und zugleich auch Schönheit und Güte und eine besondere Fähigkeit zu Kommunikation und Zärtlichkeit. Er lernt, dass „jemanden lieben heißt, bereitwillig mit ihm Zeit zu verschwenden.Immer mehr ist er davon überzeugt, dass das, was behinderte Menschen wirklich brauchen, ein foyer[1], ein Heim, eine Familie sei. Spiritualität - die Beziehung zu Gott - spielt dabei von Anfang an eine wichtige Rolle. Für Jean ist das Geheimnis der Armut bei Menschen mit Behinderungen eng mit dem Geheimnis Jesu, der sich gerade in Armut und Schwachheit offenbart, verknüpft. Er selbst lebt aus einer tiefen Freundschaft mit Jesus.
Die „Arche" wächst
In der Anfangszeit der „Arche" handelt Jean, wie er im Nachhinein erzählt, rein aus dem Mut und der Begeisterung für seine Überzeugung heraus, je nach Bedarf und Möglichkeit. Die „Arche" wächst: bis 1977 entstehen rund um Trosly-Breuil weitere zwölf Häuser, Menschen kommen, um so wie Jean ihr Leben als so genannte „Assistenten" mit geistig behinderten Menschen zu teilen. Bald entsteht auch die Gemeinschaft „Glaube und Licht", der sich weltweit behinderte Menschen und ihre Angehörigen anschließen. Jean ist ein außergewöhnlicher Meister des Wortes, der die Menschen, zu denen er in Vorträgen und bei Einkehrzeiten spricht, im Herzen berührt. Menschen, die ihn hören, sind von seiner Botschaft und Erfahrung tief bewegt und gründen dort, wo sie herkommen, „Arche"-Gemeinschaften. Anfang der 70er Jahre entsteht in Indien eine erste „Arche"-Gemeinschaft, bald darauf in Cote d'Ivore, in Burkina Faso und Haiti. Mit den Gründungen außerhalb Frankreichs beziehungsweise außerhalb Europas, kommen auch neue Herausforderungen auf die „Arche" zu: wie kann sich die „Arche" in völlig fremden Kulturen verwurzeln? Wie soll man mit den unterschiedlichen Konfessionen und Religionen umgehen? Die Mitglieder der „Arche" machen die Erfahrung, dass es nicht immer leicht ist, Einheit und Gemeinschaft trotz konfessioneller oder kultureller Verschiedenheit zu leben. Gleichzeitig spüren sie, dass sie dem Ringen um Einheit in der Differenz nicht einfach aus dem Weg gehen dürfen und erfahren, dass ihnen der dabei entstehende Schmerz die Gebrochenheit und das Leiden der ganzen Welt vor Augen führt. Und gerade darin entsteht eine besondere Weise der Gemeinschaft: eine große Verbundenheit mit allen Leidenden.
Die eigene Schwäche akzeptieren
Hat Jean die „Arche" ursprünglich gegründet, weil der etwas „Gutes tun" wollte, sagt er später, dass es eigentlich die behinderten Menschen waren, die die „Arche" gegründet und auch ihn verwandelt haben. Er lernt vom Leben mit ihnen, dass „es in jedem von uns einen ungeheuren Schmerz gibt, eine Zerbrechlichkeit, die sich auf verschiedene Weise äußern kann.... Ich muss jetzt nicht mehr so tun, als sei ich jemand. Ich kann jetzt das Kind akzeptieren, das ich bin, das Kind Gottes."
Von Beginn an ist für Jean und die „Arche" der Gemeinschaftsgedanke zentral. Für Jean sind die „Arche"-Gemeinschaften nicht einfach Einrichtungen, in denen behinderte Menschen gut betreut werden. Assistenten und Behinderte sind in einer communio tief miteinander verbunden. Wahre communio zeichnet sich dadurch aus, dass die Schranken des Alleinseins durchbrochen werden und ein Gefühl des Einsseins entsteht. Für Jean sind echte Beziehungen in der communio der Schlüssel zur Heilung von Wunden und Verletzungen, die sich Menschen - behindert oder nicht - im Laufe ihres Lebens zugezogen haben. Das macht für Jean das Herz der „Arche" aus: die gegenseitige Offenheit. Communio bedeutet, sich von der Schwäche des anderen berühren lassen und dabei entdecken, dass „Gott zwischen uns tiefe Bande geschaffen hat... Wenn man diesen Bund, der uns vereint, entdeckt, ist das etwas sehr Zartes, dieses Wissen, dass wir füreinander geschaffen sind, um einander Leben zu vermitteln."
Auf der Suche nach Identität
Rund um die Jahrtausendwendebefindet sich die „Arche" in einem Identitätsfindungsprozess. Es wird nach dem gerungen, was die „Arche" wirklich ausmacht. Jean ist sich bewusst, dass eine zu enge Bindung an ihn als Gründer nicht gut ist. Es muss nach Wegen gesucht werden, durch die man das Wesen der „Arche" weitertradieren kann - auch ohne die charismatische Gestalt ihres Gründers. Nach einem dreijährigen Prozess werden Identität und Auftrag der „Arche" 2005 in einer Charta zusammengefasst.
Jean übt heute in der „Arche" kein Leitungsamt mehr aus und lebt 81-jährig in Trosly-Breuil.
[1] dt. Herdstelle
Vgl. Spink, Kathryn, „Jean Vanier und die Arche. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Berufung.", Neufeld Verlag Schwarzenfeld 2008